Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur - Prof. Dr. Friedrich Vollhardt
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Forschung

Forschungsschwerpunkte

  • (historischer) Roman
  • Lyrik
  • Literaturtheorie
  • Vergleichende Literaturwissenschaft: deutsche/italienische/lateinische Literatur | Antikerezeption

Monographie: Authentizität. Karriere einer Sehnsucht

Das bei C.H.Beck publizierte Buch problematisiert das prominente Ideal der Authentizität und die Folgen, die mit ihm einhergehen. Denn mit dem Wunsch nach Eindeutigkeit, Wahrheit und Berechenbarkeit sind potentiell Haltungen wie Intoleranz, Angst vor Pluralität oder mangelnde Flexibilität verbunden. Im Anschluss an eine Begriffsbestimmung wird Authentizität als Ideal in den Bereichen Kultur, Gesellschaft und Individuum untersucht und hinterfragt. Als Alternativkonzepte werden Ambiguität, Professionalität und Situativität skizziert. Die – durchaus provokant gedachte – Leitfrage ist: Ist Authentizität vielleicht nicht nur weniger erstrebenswert als oft angenommen, sondern gar eine Gefahr?

Eine Leseprobe steht unten zum Download bereit.

Aktuelles Projekt: Daten – Dichten – Deuten. Interpretationskulturen um 1800 und um 2000

Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist der Begriff 'fake news' in aller Munde und die Welt – angeblich oder tatsächlich – im 'postfaktischen' Zeitalter angekommen. Von Interpretation unabhängige Fakten würden – so oft die These – nicht mehr adäquat berücksichtigt, stattdessen sei eine beliebige Deutung etwa politischer, juristischer oder wissenschaftlicher Sachverhalte zu konstatieren.

Das Projekt soll von diesem Streit um Daten und Deutung ausgehen. Systematisch wird es untersuchen, welche Interpretationstheorien in welchen Disziplinen diskutiert und angewandt werden. Von Interesse ist insbesondere, inwieweit (literarische) Texte und ihre Interpretationen Eindeutigkeit zu erzeugen oder zu vermeiden versuchen. Da die Literaturwissenschaft ein ausdifferenziertes Instrumentarium zur Beschreibung von Interpretationen entwickelt hat, ist sie zur interdisziplinären Analyse dieser Vorgänge besonders geeignet.

Um eine historisch-diachrone Perspektive einzubeziehen, sollen die gegenwärtigen Phänomene mit literarischen und diskursiven Aspekten um 1800 verglichen werden. Dieser Zeitraum bietet sich an, weil die Ausdifferenzierung der Disziplinen in vollem Gange ist und sich beispielsweise eine literaturkritische von einer theologischen und einer juristischen Hermeneutik trennt, also jeweils verschiedene Interpretationstechniken verhandelt und erprobt werden.

Ziel des Projekts ist somit, zwei Zeiträume im Blick auf ihre Interpretationskulturen zu vergleichen und dabei Erkenntnisse für den gegenwärtigen Streit der Interpretationen zu gewinnen. Gezeigt werden soll, dass Ambiguitätstoleranz – in Literatur und Gesellschaft – stets mit einem Bedürfnis nach Vereindeutigung einhergeht; der sich entfaltende Prozess interpretatorischer Vereindeutigung folgt dabei keinen neutralen Gesetzen, sondern ist historisch variabel und in seinen diskursiven Strukturen zu beschreiben. Untersuchungsgegenstand des Projekts sind Interpretationskulturen in Literatur und Literaturtheorie, Historiographie, Rechts- und Naturwissenschaften sowie der interdisziplinäre Transfer von Theorie.

Aktuelles Projekt: Grenzen der Optimierung in Literatur und Recht
(gemeinsam mit Timo Rademacher, Hannover)

Das Vordringen künstlicher Intelligenz in alle Winkel der Welt verspricht eine nie dagewesene Erfassung der Gegenwart und Vorhersage der Zukunft: Eine kalkulierte Welt entsteht, in der Optimierung keine Vision, sondern Realität ist. Das Projekt soll nach Chancen und Problemen einer digital optimierten Welt fragen. These ist: Wo das Kalkül überhand nimmt, kommt möglicherweise die Kontingenz zum Zug. Entsprechend befassen sich aktuell zentrale literarische Texte mit der Frage, wie perfekt ein System sein kann, ehe es an Grenzen stößt – wann die Optimierung eine Sehnsucht nach Zufall und Willkür mit sich bringt. Das Projekt fragt also: Fordern Ordnungssysteme ihre Subversion durch Un- oder Um-Ordnung heraus?

Aktuelles Projekt: Anerkennung in der zeitgenössischen Literaturszene
(gemeinsam mit Lena Hipp, Berlin)

Das Projekt untersucht empirisch Formen der Anerkennung in der zeitgenössischen Literaturszene. Dort spielt Anerkennung in Form von Preisen, Nominierungen, Verkaufszahlen, Honoraren oder medialer Aufmerksamkeit eine bedeutende Rolle. Wegen der Tendenz zu 'Superstars' und 'The-winner-takes-it-all'-Märkten ist Anerkennung in Kunst und Literatur noch wesentlicher als in anderen Lebens- und Arbeitsbereichen. Wir fragen: Wer schafft es nach oben? Wem wird welche Anerkennung zuteil? Konkret wollen wir dazu erstens mit quantitativer Datenanalyse ermitteln, wie sich der Erhalt von Auszeichnungen auf den weiteren Erfolg von Autorinnen und Autoren auswirkt und ob diese Effektstärke mit demographischen Charakteristika variiert. Zweitens beziehen wir die qualitative Bewertung der literarischen Texte (z.B. in Rezensionen) mit ein, um die Frage nach Anerkennung weiter auszudifferenzieren.

Handbuch: Umberto Eco. Leben – Werk – Wirkung

Einem Weltpublikum bekannt geworden ist Umberto Eco mit seinem Werk Der Name der Rose. Dem Beststeller folgten bis zu Ecos Tod im Jahre 2016 sechs weitere Romane sowie zahllose Essays, Interviews und Zeitschriftenkolumnen. Einen Namen gemacht hatte sich Eco jedoch bereits vor seinem literarischen Schaffen mit theoretischen Texten, u.a. seinem kontrovers diskutierten "Offenen Kunstwerk" sowie seinen Schriften zur Semiotik. Auch als Schriftsteller blieb Eco zeitlebens Literatur- und Kulturtheoretiker; bei kaum einem weiteren Autor des 20. Jahrhunderts ist das theoretische und literarische Schaffen ähnlich stark verknüpft. Das geplante Handbuch soll Wegweiser in alle Aspekte von Umberto Ecos vielfältigem Wirken sein und dabei zahlreiche Querbezüge herstellen, etwa zwischen Literatur und Theorie, Kriminalroman und Semiotik sowie Geschichte und Geschichten.

Internationale Tagung: West-östliche Konstellationen. Paul Celan zum 100. Geburtstag

Die Tagung nimmt den 100. Geburtstag Paul Celans zum Anlass, räumliche Aspekte seines Werks zu untersuchen. Ausgehend vom biographischen Weg Celans aus der Bukowina über Wien nach Paris möchten wir analysieren, wie sowohl im Werk Celans als auch in seiner Rezeption Fragen von Raum und Reise, Begegnung und Bewegung eine Rolle spielen. Das gilt konkret für die geographischen Verhältnisse in Celans Texten, aber auch für damit verbundene poetologische Motive, etwa den 'Meridian' aus der Büchner-Preisrede. Das Werk Celans mit seiner großen Spannweite von Ost nach West bietet dabei auch eine Gelegenheit, hinsichtlich Literatur, Kultur und Geschichte Räume zusammenzudenken, die üblicherweise getrennt behandelt werden

Abgeschlossenes Projekt: Liminale Lyrik. Hymnische Dichtung als ästhetisches Grenzphänomen

Hymnische Dichtung gehört zu den ältesten Formen poetischen Ausdrucks. Ihre Traditionslinie lässt sich von den homerischen Hymnen, Pindars Siegesliedern und den Oden des Horaz über den christlichen Hymnus bis hin zu zentralen Gedichten der Moderne verfolgen. Götter werden angefleht, Helden besungen, Sieger gepriesen. Die adäquate poetische Form dafür ist das scheinbar spontane Sprechen im hohen Stil. Ein genialer Dichter, so oft die poetische Selbstzuschreibung, verleiht der Größe des Augenblicks im reißenden Rausch der Rhyth­men ewige Dauer.

Die Literaturwissenschaft hat hymnische Dichtung in vielfältiger Weise erforscht, etwa im Hinblick auf ihre poetische Gestaltung, ihre literarischen Kontexte oder ihre soziale Funktion. Ein Merkmal wurde bislang jedoch nicht in den Blick genommen, obwohl es für diese Form lyrischen Sprechens nicht nur charakteristisch, sondern geradezu konstitutiv ist: die Grenzsituation, von der die Texte ausgehen. Trotz ihrer höchst unterschiedlichen historischen und kulturellen Entstehungskontexte teilen Hymnen seit der Antike dieses Merkmal nicht nur, sie sind ohne den Aspekt des Liminalen kaum denkbar.

Ziel des Projekts ist es daher, hymnische Dichtung erstmalig als liminale Lyrik zu beschreiben. Während in der Forschung nicht selten Ver­ein­deutigungen vorgenommen werden, die die Texte in Teilen ihrer Ambiguität berauben, wird hier die These zugrundegelegt, dass hymnische Dichtung ihre diskursive Kraft entscheidend aus etwa formalen, inhaltlichen und poetologischen Grenzsituationen gewinnt. In liminaler Lyrik werden Extreme nicht synthetisiert oder als Anfangs- und Endpunkt eines teleologischen Übergangs verstanden, sondern als poetisches Spannungsfeld produktiv ausgestellt.

Die im Rahmen des Projekts entstandene Arbeit wurde im November 2017 von der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der LMU München als Habilitationsschrift angenommen und 2018 bei Metzler publiziert. Inhaltsverzeichnis und Einleitung stehen unten zum Download bereit.

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